Vom 17.-24. Oktober 2009 war die Dahlemer SPD in Bologna. Seit 1978 führen wir diese jährlichen Hauptstadtfahrten durch. Nun ist Bologna wahrlich keine europäische Hauptstadt, aber diesmal hatten sich die „Traditionalisten“ durchgesetzt, vor 30 Jahren waren wir schon mal da, jetzt wollten wir nachsehen, was aus dem „Roten Bologna“ von damals geworden ist, Hauptstadt der Kooperativen und Genossenschaften, mit einer sozialistisch-kommunistischen Mehrheit in der Industrie- und Handelskammer.

 

Die Kontakte herzustellen, war schwer und dauerte ewig: keine deutsche Botschaft, keine FES, keine Journalisten, die uns berichten konnten. Bei den Internet-Recherchen war außer „Bologna-Prozess“ kaum etwas zu finden, dann der Schock: 1999 war die Stadtregierung nach rechts gegangen. Dies stellte sich aber als ein fünfjähriges rechtes Interregnum heraus, die politischen Verhältnisse in Bologna sind nach wie vor stabil, die Genossenschaften und Kooperativen dominieren die Region.

 

In den letzten Tagen vor der Abfahrt hatten sich alle Kontakte sortiert.

 

Bologna ist eine unglaublich schöne alte Stadt mit seinen beiden schiefen Türmen (!!)und seinen kilometerlangen Arkaden, so dass uns der Regen relativ wenig ausmachte. Es hat die älteste europäische Universität, die Stadt ist heute mit 70000 Studenten bei 450000 Einwohner sehr quirlig, voller interessanter Museen und ziemlich wenig Grün im Stadtgebiet.

 

Schon am ersten Tag in Bologna hatten wir Kontakt zur Demokratischen Partei, wir hatten Gespräche über Kommunalpolitik, mit dem Stadtvorsitzenden der „partito democratico“ (PD), mit ihrer Senatorin und der Abgeordneten im römischen Parlament, haben das Rathaus besichtigt und dabei an einer Ehrung der 50/60/70jährigen Hochzeiten teilgenommen, waren in einem Ortsverein der PD in Bolognila, im Herzen des Roten Bologna. Ferner hatten wir ein Gespräch mit der „Sozialistischen Partei Italiens“, unserer Bruderpartei in der Regionalvertretung Emilia Romagna, quasi in ihrem Landesparlament.

 

Ein Höhepunkt war der Besuch in Marzabotto, dort haben SS und Wehrmacht 1944 Massenerschießungen an der Zivilbevölkerung durchgeführt. Heute ist dort neben den Erinnerungen an die Ereignisse am Monte Sole eine beeindruckende Friedensschule tätig. Franco, der uns führte, hatte als 7jähriger das Massaker erlebt und seinen Vater dabei verloren. Ein fantastischer Zeitzeuge, der bis vor kurzem stellv. Bürgermeister von Marzabotto war.

 

Das italienische Parteiensystem ist ultra-unübersichtlich. Nichts ist mehr wie vor 30 Jahren, lediglich die kleine Sozialistische Partei PSI ist übriggeblieben. Die PD ist entstanden aus der alten eurokommunistischen PCI, hinzugekommen sind Teile der Christdemokraten und Sozialliberale. Ihr Organisationsgrad ist wesentlich höher als der SPD; ihre Finanzierung geschieht u.a. über ihre regelmäßigen mehrtägigen Pressefeste ihrer Zeitung Unita. Diese Öffnung der PD in die Mitte hatte leweils linke Abspaltungen zur Folge. Das italienische Wahlsystem ist extrem kompliziert: es besteht eine 4%-Klausel, die in Bündnissen unterlaufen werden kann. Dies ermöglicht der kleinen „PSI“ eine Existenz. Die PD versucht ein breites Bündnis gegen Berlusconi aufzurichten. Gegenwärtig finden die Urwahlen für den Spitzenkandidaten statt; die Partei hatte sich innerparteilich für den aus der PCI kommenden Kandidaten Bersani ausgesprochen, am Sonntag entschiedensich diejenigen, die sich als PD-WählerInnen definierenden drei Millionen Italiener in einer Urwahl ebenso. . Die ideologische Breite der PD hat dazu geführt, dass als Preis der Zuordnung der PD-Europa-Abgeordneten zur SPE diese ihren Namen in S@D (Progressive Allianz der Sozialisten und Demokratien im Europäischen Parlament“) änderte.

 

An der Reise haben 32 Genossinnen und Genossen teilgenommen, darunter zu unser Freude der nach Dahlem heimgekehrte ehemalige Abteilungsvorsitzende und Zehlendorfer Stadtrat Martin Quiilisch. Wir hoffen auf einen Gegenbesuch der GenossInnen aus Bolognila. Wohin es nächstes Jahr geht, entscheiden wir bei der Nachbereitung. Wer sich näher informieren möchte, wir empfehlen unseren Reader.

 

Burkhard Zimmermann

 

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