Zu einer sechsstündigen Stadtrundfahrt „Bruno Taut und das Berliner Siedlungswesen“ Teil II (Charlottenburg, Spandau, Reinickendorf, Wedding) hatte die SPD Dahlem im April 2006 geladen. Die Fahrt war derart überfüllt, dass wir sie wegen der 70 Anmeldungen zweimal anbieten mussten.

Die Fahrt führte von der Eichkamp-Siedlung, über die Reichsforschungssiedlung in Haselhorst, über die Ringsiedlung in Siemensstadt, über die Friedrich-Ebert-Siedlung zur Freien Scholle in Tegel und schließlich zum Reinickendorf-Weddinger Siedlungskomplex der Weissen Stadt, der Schillerhofsiedlung und der Siedlung „Am Schillerpark“.

Die heterogene Eichkamp-Siedlung besteht aus Taut-Bauten (Max und Bruno), einem kommunistisch geprägten Bauhüttenanteil mit großen Vorgärten (“Klein-Wedding“), dem „Snob“-Viertel u.a. Dort wohnten u.a. Max Taut, Martin Wagner, Arnold Zweig, Siegfried Aufhäuser und Kurt Rosenfeld.

Im Afrikanischen Viertel am Volkspark Rehberg konkurrieren Bauten von Mies van der Rohemit Siedlungsteilen von BrunoTaut und Mebes/Emmerich; gegenüber der Friedrich-Ebert-Siedlung liegt der BVG-Hof Müllerstrasse, der beeindruckendste Komplex von Wohngebäuden und einem Straßenbahn/Busbahnhof.

Ebenso wie die Friedrich-Ebert-Siedlung ist die Reichsforschungssiedlung in Zeilenbauweise errichtet. Diese Siedlung in Haselhorst wurde initiiert von der Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Wohnungswesen (Verwaltungsratsmitglied Marie-Elisabeth Lüders von der DDP u.a.) und diente dazu , Klein- und Kleinstwohnungen für die Arbeiter in der Siemensstadt zu bauen, verschiedene Bauweisen und Baumaterialien zu erproben und stellte mit ca 3500 Wohnungen das größte realisierte Siedlungsprojekt der Weimarer Republik dar .

Die Großsiedlung Siemensstadt wird wegen der beteiligten Architekten Hans Scharoun, Walter Gropius, Hugo Häring, Fred Forbat, Otto Bartning und Paul Henning auch Ringsiedlung genannt.

Eine in sich abgeschlossene weitgehend autarke Siedlungsform ist die Freie Scholle. Sie hat eine lange genossenschaftliche Tradition, in welcher Gustav Lilienthal (der Bruder des Fliegers) eine sehr wichtige Rolle spielt . Besonders interessante Bestandteile der Freien Scholle hat Bruno Taut gebaut. Dort wohnten unter anderem auch Franz Neumann und Ilse Reichel.

Besonders faszinierend war die Fülle der fast nebeneinander liegenden Wohnsiedlungen im Reinickendorf-Weddinger Gebiet: so die Großsiedlung Schillerpromenade – wegen des hellen Außenputzes Weiße Stadt genannt, die konventionell gebaute Schillerhofsiedlung, deren bunte Fassadengestaltung verloren gegangen ist und die Siedlung Schillerpark, für die hauptsächlich Bruno Taut verantwortlich zeichnete, an der aber auch sein Bruder Max, sein Mitarbeiter Franz Hoffmann und vor allem Hans Hoffmann, der Erfinder des begehbaren Blumenfensters beteiligt waren. Uns fiel vor allem auf, daß diese Siedlungen heute im vollen Lärm der Einflugschneise des Flughafen Tegel liegen. Alle drei Siedlungen sind im Inneren mit viel Grün bebaut und stehen in enger Verbindung zu großen Parks wie dem Volkspark Rehberge sowie dem Schillerpark, die damals mit geplant wurden.

Die Weiße Stadt , das Afrikanisches Viertel (Friedrich-Ebert-Siedlung) und Schillerpark sind ebenso wie die von Bruno Taut geplanten Siedlungen am Falkenberg (Tuschkasten-Siedlung), in Britz (Hufeisen-Siedlung) und Prenzlauer Berg (Carl-Legien-Stadt) für die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes angemeldet.

Merke: nach dieser Fahrt siehst Du die Stadt durchaus mit anderen Augen, weil Du Zusammenhänge und Strukturen erkennst, die sich auf den ersten Blick nicht erschließen Und: weil Du siehst, daß diese Strukturen zumindest einmal lebendig waren.

Die Fahrt gewann durch die profunden Kenntnisse von Richard Röhrbein und Jacques Schwarz, die diese Fahrt planten und begleiteten.

Besonders bemerkenswert sind die historischen Hintergründe : z.b. Stadtbaurat Martin Wagner , der wegen fehlender Baugenehmigungen und der politischen Gegnerschaft der damaligen Stadtväter fast in den Knast gegangen wäre, hat in Eichkamp gewohnt. Nichts erinnert dort an diesen engagierten linken Sozialdemokraten..

Viele Teilnehmer der Fahrt hatten in irgendeiner Weise etwas mit Taut zu tun, waren begeistert dabei und wollen auch den 3. Teil der Reihe, die Ostroute der Stadtrundfahrt am Tag des Offenen Denkmals am 9. September mitmachen. Besonders fasziniert ist es quasi neu zu entdecken, was damals in der schwierigen Situation der Weimarer Republik möglich war durch städtische Wohnungsbauprogramme und die zur Verfügung stehende Finanzierung über eine Besteuerung des Altbaubestandes ( der Hauszinssteuer). Es war ja keine Phase von Reichtum, vor allem nicht für die armen Leute. Es war vielmehr eine Phase von Kreativität in der Arbeiterbewegung- verwiesen sei auch auf die gleichzeitigen kommunalen Bauten des „Roten Wien“. Diese Phase und diese Kreativität in derArbeiterbewegung brach mit der Weltwirtschaftskrise ab.

 

 

Burkhard Zimmermann

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